Bindungsentwicklung

Bindung im Verlaufe des Lebens

Bindung ist ein lebenslanger Prozess, der sich in allen Phasen der menschlichen Entwicklung manifestiert und prägt. Von der Geburt bis ins hohe Alter entwickeln und verändern sich unsere Bindungsstile und beeinflussen tiefgreifend, wie wir Beziehungen eingehen und erhalten.

In der frühen Kindheit etablierte Bindungsmuster dienen als Blaupause für zukünftige Beziehungen, setzen die emotionale Grundlage und prägen das Selbstbild. Diese frühen Erfahrungen beeinflussen die Fähigkeit, Nähe zu anderen zuzulassen, Vertrauen aufzubauen und effektiv mit Trennung und Verlust umzugehen.Über die Lebensspanne hinweg, von den ersten Lebensjahren über die Schulzeit bis ins Erwachsenen- und Seniorenalter, spielt die Bindung eine entscheidende Rolle für unsere psychische Gesundheit und unser soziales Wohlbefinden.

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Geburt bis frühe Kindheit

In der frühesten Phase des Lebens zeigt sich das Bindungsverhalten durch die Suche nach Nähe und Kontakt zu den primären Betreuungspersonen, vornehmlich den Eltern. Neugeborene reagieren instinktiv auf Wärme, Stimme und Berührungen der Mutter oder des Vaters. Der Säugling selbst sendet Bindungssignale aus, was als Grundlage für die Entwicklung einer sicheren Bindung dient. Schon im ersten Lebensjahr, insbesondere zwischen sechs Monaten und zwei Jahren, erkennen Kinder primäre Bezugspersonen und zeigen deutliche Präferenzen. Sie reagieren auf Trennung mit Unbehagen oder Angst, was die Bildung des sogenannten sicheren Hafens durch die Bindungsperson nötig macht​​.

Siehe Bindungsentwicklung

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Mittlere Kindheit

Mit zunehmendem Alter erweitern Kinder ihren sozialen Horizont, wobei die Bindung zu den Eltern eine sichere Basis bietet, von der aus sie die Welt erkunden. Sie nutzen ihre Bindungspersonen als Sicherheitsnetz, um neue und ungewohnte Situationen zu bewältigen. Die Qualität dieser Bindung beeinflusst massgeblich ihre Entwicklung​​. Während des Schulalters beginnen Kinder, signifikante Beziehungen ausserhalb des familiären Rahmens zu bilden, etwa mit Lehrern und Gleichaltrigen. Ihre Bindungserfahrungen beeinflussen, wie sie Freundschaften schliessen und Konflikte lösen. Kinder, die eine sichere Bindung erfahren haben, zeigen sich oft kooperativer und sind sozial kompetenter. Die Fähigkeit, sich in der Schule und in sozialen Gruppen zu integrieren, wird stark durch das in den frühen Jahren entwickelte Bindungsmodell beeinflusst​​.

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Jugendalter

In der Jugendphase ist die frühkindliche Bindungserfahrung besonders wichtig, da Jugendliche beginnen, sich von ihren primären Bezugspersonen zu distanzieren und stärker auf Selbstständigkeit hinarbeiten. Diese Entwicklung kann jedoch auch mit Angst verbunden sein, was die Bindungsbedürfnisse erneut aktiviert. Während einige Jugendliche Schwierigkeiten haben, sich zu lösen, neigen andere zu einer übermässig forcierten Ablösung. In dieser Zeit gewinnt die Bindung zu Gleichaltrigengruppen an Bedeutung, da sie den Jugendlichen Schutz und Sicherheit bietet und ihre Entwicklung unterstützt. Allerdings kann eine pathologische Bindung an solche Gruppen auch Angst fördern und die Entwicklung von Autonomie und Individualität behindern. Jugendliche, die überwiegend unsichere und/oder desorganisierte Bindungsmusteranteile entwickelt haben, tragen ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme wie z.B. Depressionen, Suizidalität, Panikattacken, Gewalttätigkeit, Substanzmissbrauch, sexuelle Probleme und Essstörungen.

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Erwachsenenalter

Im Erwachsenenalter manifestieren sich Bindungsstile in Partnerschaften und eigenen Eltern-Kind-Beziehungen. Erwachsene, die sichere Bindungen erfahren haben, neigen dazu, vertrauensvolle und unterstützende Beziehungen zu führen. Die innere Arbeitsmodelle, die in der Kindheit entwickelt wurden, beeinflussen das Selbstbild und die Beziehungsgestaltung. Unsichere Bindungsmuster können hingegen zu Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen und bei der eigenen Elternschaft führen​​​​.

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Seniorenalter

Im Alter gewinnt die Bindung zu Lebenspartnern und erwachsenen Kindern an Bedeutung. Ältere Menschen mit stabilen Bindungsbeziehungen zeigen eine höhere Lebenszufriedenheit und sind oft gesünder. Der Verlust von nahestehenden Personen kann zu erheblichen Bindungsverlustängsten führen, wobei die Qualität früherer Bindungserfahrungen eine wichtige Rolle spielt. Die Fähigkeit, unterstützende Beziehungen aufrechtzuerhalten, ist entscheidend für das Wohlbefinden im Alter​​.

Bindungsentwicklung

Bindung als gefühlsmässiges Band zu einer Bindungsperson entsteht erst im Verlaufe der ersten Lebensmonate. Ab Geburt zeigt ein Säugling zwar so genanntes Bindungsverhalten, um die Nähe von Bezugspersonen zu sichern, dieses ist aber noch nicht auf eine bestimmte Person ausgerichtet. Damit eine Bindungsbeziehung entstehen kann, braucht es gewisse kognitive Voraussetzungen. Mittels kognitiver Repräsentationen kann das Kind Personen als fremd oder vertraut unterscheiden. Dank der Objektpermanenz erkennt der ältere Säugling, dass eine Person auch dann noch existiert, wenn er sie nicht unmittelbar sieht.

Bowlby unterscheidet vier Phasen der Bindungsentwicklung, die in der Weiterentwicklung der Bindungstheorie geschärft wurden.

Vorbindungsphase / unspezifische Bindung

0 – ca. 12 Wochen: Der Säugling kann Beziehungsangebote noch nicht unterscheiden und zeigt bei jeder Person Bindungsverhalten. Er sendet angeborene Signale, um Bedürfnisbefriedigung zu erreichen. Auch zeigt er kaum Aufregung, wenn er mit fremden Menschen in Kontakt kommt. Allerdings sind Säuglinge in der Lage, Geruch und Stimme der Mutter zu erkennen.

Selektive Bindung

Ab ca. 6 Wochen – 8 Monate: Der Säugling beginnt dank seiner kognitiven Entwicklung, auf Menschen unterschiedlich zu reagieren. Er entwickelt spezifische Erwartungen an das Verhalten der Bindungspersonen und zeigt Zeichen von Anspannung/Stress, wenn er mit unbekannten Dingen und Menschen allein gelassen wird. Das Bindungsverhalten richtet sich zunehmend auf eine oder mehrere Fürsorgepersonen aus, die seine Bedürfnisse nach Nähe und Körperkontakt befriedigen.

Eindeutige Bindungsphase / Aufbau eines IAM

8 Monate – 1,5/2 Jahre: Der Säugling ist dank der fortschreitenden kognitiven, motorischen und sprachlichen Entwicklung zunehmend fähig zur aktiven Kontaktaufnahme zur Bindungsperson. Er bringt Unbehagen und Protest bei Trennungen sowie Spannung in Anwesenheit von Fremden (Fremden- und Trennungsangst) zum Ausdruck. Die Bindungsperson wird zur «sicheren Basis», zu der das Kind eigenaktiv hingehen und bei der es emotional auftanken kann. In dieser Phase entsteht die spezifische Bindung zusammen mit einem ersten inneren Arbeitsmodell (IAM).

Erweiterung des Beziehungsumfeldes und zielkorrigierte Partnerschaft

Ab ca. 2 Jahren: In dieser Phase verfestigt sich das innere Arbeitsmodell der Bindungsrepräsentation. Das Kind kann Trennungssituationen autonom bewältigen (evtl. mit Hilfe von Übergangsobjekten, z. B. mit einem vertrauten Spielzeug). Es kann auf einer sicheren Basis die Umwelt explorieren und aus eigenem Tun neue Lernerfahrungen machen. Die Beziehung zur Bindungsperson gestaltet sich zunehmend gegenseitig und wird vom Kind eigenaktiv geprägt. Es kann eigene Ziele und Bedürfnisse mit Zielen/Bedürfnissen der Bindungsperson ausbalancieren. Weitere Beziehungen können autonom aufgenommen werden.

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