Bindungsmuster und Arbeitsmodelle
Im diesem Online-Get-Together ging es um zentrale Grundlagen der Bindungstheorie. Vorstandsmitglied Dr. phil. Irina Kammerer, Psychotherapeutin am Psychologischen Institut der Universität Zürich, gab einen kompakten Abriss zu Bindungsmustern und internalen Arbeitsmodellen. Sie eröffnete die Diskussion mit der Frage:
„Wie nutzt du Bindungskategorisierungen in deiner Arbeit – und wie vermeidest du die Gefahr der Simplifizierung?“
Einige zentrale Überlegungen aus der Diskussion:
Bindungsmuster sind keine starren „Automatismen“. Bindungsbezogenes Verhalten ist kontextabhängig: Je nach Situation, Stressniveau und Beziehungspartner:innen können unterschiedliche Strategien sichtbar werden.
Internale Arbeitsmodelle reichen über „Muster“ hinaus. Sie betreffen innere Erwartungen, Deutungen und affektive Reaktionstendenzen – also wie ich mich selbst, andere und Beziehungen „antizipiere“ und interpretiere. Diese Modelle zeigen sich nicht nur in der primären Bindungsdyade, sondern prägen Beziehungen allgemein.
Sicherheit braucht Verantwortung. In Bowlbys Sinn heisst „stronger and wiser“: Erwachsene übernehmen Verantwortung, strukturieren und führen bei Bedarf – ohne dabei Beziehung und Feinfühligkeit zu verlieren. Reine 'Wärme' ohne asymmetrische Anteile in der Eltern-Kind-Beziehung genügt diesem Anspruch nicht.
Familienarbeit: vom Symptomträger zur Dynamik. Probleme werden oft in einer Dyade besonders sichtbar (z. B. Mutter–Kind). Gleichzeitig lohnt sich der Blick auf das gesamte System, insbesondere auf die Paardynamik, weil Kinder Beziehung und Emotionsregulation stark über beobachtete Interaktionen mitlernen.
Diagnosen als Auftrag zur Passung, nicht als Etikett. Diagnostik kann helfen, Bedürfnisse, Belastungsgrenzen und hilfreiche Unterstützung genauer zu verstehen – nicht als Ausrede, sondern als Anlass, die eigene Sensitivität und die Rahmenbedingungen passender zu gestalten. Das kann auch bei genetischen oder biographischen Vulnerabilitäten präventiv wirken.
Anregungen für weitere Themen:
Was ist Überfürsorglichkeit – und wann kippt Fürsorge in Kontrolle?
Wie fördern wir Sensitivität (bei Eltern, Fachpersonen, Teams) konkret?