Die zweite Online-Intervision kreiste um das von Andrea Schwald, Psychotherapeutin in Bern, eingebrachte Thema Scham und wurde wiederum von Martina Rufer und Lothar Steinke moderiert. Aus Gründen der Vertraulichkeit berichten wir keine Fallinhalte – wir greifen zentrale Themenfelder und Einsichten auf.
Die zweite Online-Intervision kreiste um das von Andrea Schwald, Psychotherapeutin in Bern, eingebrachte Thema Scham und wurde wiederum von Martina Rufer und Lothar Steinke moderiert. Aus Gründen der Vertraulichkeit berichten wir keine Fallinhalte – wir greifen zentrale Themenfelder und Einsichten auf.
Scham kommt selten von selbst auf den Tisch. Kaum ein Kind, ein Jugendliche oder auch eine erwachsene Person kommt in Beratung oder Therapie mit dem Satz: „Ich bin hier, weil ich mich schäme.“ Und doch wurde deutlich: Es kann sehr entlastend sein, wenn Scham vorsichtig benannt werden darf – nicht blossstellend, sondern als mögliche Spur hinter dem sichtbaren Verhalten.
Gerade in Schule, Heim oder Beratung schaut man verständlicherweise oft zuerst auf Verhalten. Angriff, Rückzug, Verweigerung, Clownerie, Perfektionismus oder das Beschämen anderer fordern heraus und können Fachpersonen an Grenzen bringen. Die Intervision schärfte den Blick dafür, dass dahinter auch Scham stehen kann: das Gefühl, blossgestellt zu sein, nicht zu genügen, anders zu sein oder die eigene Würde zu verlieren.
Ein eindrücklicher Satz des Abends war: „Sich schämen ist schlimmer als sterben.“ So drastisch dies klingt: Scham kann sich tatsächlich existenziell anfühlen – als Wunsch, im Boden zu versinken, sich aufzulösen, nicht mehr gesehen zu werden. Bindungstheoretisch wurde dabei der Unterschied zwischen Schuld und Scham wichtig: Schuld bezieht sich eher auf ein konkretes Verhalten und bleibt dadurch verhaltensorientiert reparierbar. Scham greift tiefer und ist nur beziehungsorientiert reparierbar. Sie betrifft das Selbstbild und die Beziehungssicherheit: Nicht nur „Ich habe etwas falsch gemacht“, sondern „Mit mir stimmt etwas nicht“ oder „Bin ich so noch angenommen?“
Darum kann eine rein verhaltensorientierte Reaktion Scham auch verstärken. Wenn Verhalten nur korrigiert, kontrolliert oder sanktioniert wird, kann daraus ein eskalierendes Pingpong entstehen: Angriff, Rückzug, erneute Beschämung, noch mehr Abwehr. Scham braucht zuerst Beziehungserfahrungen von Annahme, Schutz und Würde, damit Klärung und Verantwortung überhaupt möglich werden.
Auch Schweigen, Rückzug oder Nicht-Antworten bis hin zu Mutismus wurden aus dieser Perspektive betrachtet. Oberflächlich wirken solche Reaktionen oft vermeidend. Darunter kann jedoch eine ambivalente Spannung liegen: der Wunsch nach Kontakt und Zugehörigkeit bei gleichzeitiger Angst, durch Beziehung sichtbar, bewertet oder entblösst zu werden. Hilfreich wird dann eine Haltung, die Wohlwollen und Interesse signalisiert, ohne zu drängen.
Deutlich wurde auch, dass Scham nicht nur beim Kind liegt. Fremdsprachigkeit, Armut, Ausgrenzungserfahrungen oder ein dominantes institutionelles Auftreten können auch Eltern beschämen und ihre Autorität schwächen. Diese Scham kann sich wiederum auf das Kind übertragen. Bindungsorientiertes Arbeiten heisst deshalb auch, Eltern in ihrer Würde und Wirksamkeit zu stärken.
Als Leitfrage blieb: Wie können wir in Schule, Beratung, Therapie und Betreuung für Scham sensibler werden, ohne sie zu vergrössern? Die Intervision zeigte: Der entscheidende Schritt ist oft nicht, noch genauer auf das Problemverhalten zu schauen, sondern zuerst zu fragen, was an Würde, Zugehörigkeit und Beziehungssicherheit geschützt oder wiederhergestellt werden muss.
Danke, Andrea, für dein ergiebiges Fallthema. Wir freuen uns auf weitere Themen- oder Fall-Beiträge weiterer Mitglieder für die nächste Intervision am 23.11.2026.